Verantwortung übernehmen!

Warum die kritische Auseinandersetzung mit der Realität auf den Lehrplan gehört.

Dieser Text erschien im Sommer 2021 im LAMA Architekturmagazin – Ausgabe 4|9 „Ausbildung zur Weiterbildung – Was soll die Architekturlehre leisten?

Die Ära der Star-Architekten der 90er Jahre neigt sich dem Ende zu, ihre Einstellung zum non-kontextuellen Entwerfen in einer neoliberalen Welt wird jedoch an vielen Architekturlehrstühlen weiterhin an die Studenten vermittelt. Auf die gebaute Umwelt wird nicht eingegangen bzw. direkt ein Ort für den Entwurf gewählt, der sich für einen Solitärbau anbietet. Sozialer Impact? Ressourcenverbrauch? Unwichtig – Hauptsache die Renderings in der Endpräsentation sehen später gut aus. Architekturschaffende sind die Komplizen des kapitalistischen Systems in dem wir leben und müssen sich dessen bereits im Studium bewusst werden. In der Lehre muss sich etwas ändern. Was können Lehrende tun, um die zukünftige Generation Architekt*innen auf die Zukunft vorzubereiten?

Wir wurden durch unsere Hochschulen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle irgendwann mal Stararchitekten werden, Pritzker-Preisträger, Rockstars…werden wir aber nicht!“

Frei nach einem Zitat aus dem Film “Fight Club” von 1999

Die Realität der Profession und das Selbstbild, welches viele lehrende Architektinnen von der Disziplin haben, driften immer weiter auseinander. An Hochschulen wird Architektur gelehrt wie in lange vergangenen Tagen, als die Stararchitekten der 1980er/1990er ihre Glanzzeit hatten. Das Entwurfsstudio bestimmt das Semester, die Aufgaben wirken oft wie aus der Zeit gefallen: Wie oft wird jeder von uns wohl in seiner Karriere ein Museum oder ein Opernhaus entwerfen? Die Nebenfächer, meist für eine erfolgreich gemeisterte Bauaufgabe in der Realität relevanter als jedes Studio, werden “nebenher” belegt. Stararchitekten und Superzeichen – wer braucht das heute noch? Natürlich kann man argumentieren: „Wenn nicht im Studium – wann dann frei entwerfen?“ Allerdings wird die Studienzeit immer kürzer, immer schneller werden junge Architektinnen in die freie Marktwirtschaft entlassen. Sprich die Zeit im Studium ist kurz – und wenn nicht dort, wo soll die neue Generation auf die Realität vorbereitet werden? Und diese Realität unterscheidet sich gewaltig von dem, was man in 10 Semestern an den Hochschulen im deutschsprachigen Raum lernt.

Das Leben der neuen Generation Architekten ist zweifelsfrei anders als das der vorangegangenen Generationen. Daher können uns ältere Kollegen nur bedingt ein Vorbild sein. Wir stehen anderen Aufgaben gegenüber als unsere Vorgänger – sei es die massive Wohnungsnot und die Verschärfung der Klassenunterschiede in den Großstädten oder globale Zusammenhänge wie Ressourcenknappheit und Klimawandel.

Wir befinden uns mitten in einem globalen Wandlungsprozess, sowohl auf sozialer als auch auf wirtschaftlicher und ökologischer Ebene. Warum verändert sich also der Lehrplan an Architekturhochschulen nicht? Vielerorts bildet die Lehre nicht mehr das ab, was viele Studierende heute bewegt und interessiert. Für viele liegt der Gipfel des Schaffens nicht mehr darin, möglichst außergewöhnlich geformte, mit aufregenden Fassaden verkleidete Bürotürme, Museen oder Opernhäuser zu bauen. Sie haben erkannt, dass die Architektur nur durch einen multidisziplinären Ansatz überleben kann. Doch ein Blick über den Tellerrand auf soziale, politische oder wirtschaftliche Themen findet selten statt.

Das Resultat sind unzufriedene Absolvent*innen, die in den reformbedürftigen Studienprogrammen nicht die theoretische und praktische Expertise für die zukünftige Rolle der Architektur finden. Es werden kaum Alternativen zum Berufsbild des “klassischen Architekten” aufgezeigt, noch scheint es wenig Aussicht auf einen ausreichenden
Lebensunterhalt zu geben.

Im schlimmsten Fall reproduzieren junge Architektinnen die überholten Muster ihrer Lehrerinnen, wenn sie mit einer völlig unrealistischen Vorstellung des Alltags in einem Architekturbüro beginnen. Überstunden, Wochenendarbeit, niedrige Löhne – alles Probleme eines neoliberalen Systems, welches bis heute immer noch Realität in vielen Büros ist und an den Hochschulen stilisiert und gehuldigt wird. Für branchenfremde Personen wirkt es wie aus der Zeit gefallen, jedoch nicht für Architektinnen: sie bekommen schon im Studium eingetrichtert, dass nur mit Blut, Schweiß und Tränen gute Architektur erschaffen werden kann. Nachtschichten und Arbeiten bis zur kompletten Erschöpfung werden gefeiert und anerkannt. Diese Praxis bildet die perfekte Grundlage für leicht ausbeutbaren Absolventinnen-Nachschub für die Büros. Wer dann lange genug durchhält hat diese Muster meist soweit internalisiert, dass diese nicht hinterfragt und an die nächste Generation weitergegeben werden. Die schlechte Arbeitsbedingungen werden als unumstößliche Wahrheit akzeptiert und nicht weiter hinterfragt oder verändert. Ein Teufelskreis.

Dabei muss sich die Lehre an den Hochschulen verändern. Es wird immer deutlicher, dass der Beruf des klassischen Architekten/Architektin im Begriff ist, überflüssig zu werden sollte sich die Disziplin nicht verändern. Zeichen-Arbeit wird mehr und mehr von Computerprogrammen übernommen und macht weniger Planer nötig. Die Ausführung von Bauten erfolgt immer öfter durch Generalunternehmer. Auch die Bauaufgaben verändern sich grundsätzlich – aufgrund von Flächen- und Ressourcenknappheit wird der Neubau weniger werden. Intelligente Lösungen für Umbau und Sanierungen gewinnen dagegen an Bedeutung.[1] Neben der ökologischen rückt endlich auch die soziale Nachhaltigkeit immer mehr in den Fokus. Themen, mit denen sich die Lehre beschäftigen könnte, gibt es also genug.

Architektur versteht sich seit jeher als eine Disziplin, welche von progressivem Denken und Handeln geleitet ist. Und doch besteht der Großteil eines jeden Semesters an den Architekturfakultäten daraus, im Entwurfsstudio oft vollkommen aus dem Kontext gelöste Gebäude zu entwerfen. Architektur als (Bau)Kunst statt gesellschaftskritischem Diskurs – bereitet das die Studierenden auf ihre Zukunft vor? Perfekte Visualisierungen oder künstlerische Isometrien beantworten in den seltensten Fällen drängende Fragen unserer Zeit.

Und doch erzielt man genau damit als Studentin an Architekturhochschulen gute Noten. Genau wie bei Architekturwettbewerben werden schicke Renderings oder Visualisierungen oft mit den besten Bewertungen belohnt. Architektur ist zu einem Produkt des Internetzeitalters mit kurzen Aufmerksamkeitsspannen und dem ständigen, unkritischen Drang nach Neuem geworden. Schon als Studentin lernt man, dass es ausreicht, nur auf dem Papier bzw. digital entwerfen um Aufmerksamkeit zu bekommen und Entwürfe zu publizieren. Die vielen studentischen Wettbewerbe befeuern dies noch zusätzlich. Doch sind verheißungsvolle Renderings und Schlagworte in den wenigsten Fällen politisch, aktivistisch oder mutig. Und es genügt nicht, scheinbare Lösungen in Stehgreif-Entwerfen zu reproduzieren ohne die tatsächlichen politischen und sozialen Rahmenbedingungen zu thematisieren. Die Architekturkritikerin Kate Wagner schreibt sehr passend dazu: “Traurigerweise kann Obdachlosigkeit nicht mit 3D-gedruckten kleinen Häusern gelöst werden, denn es ist ein soziales und politisches Problem. Traurigerweise können glitzernde Modelle von Wohnheimen nicht die generationen- und einkommensbedingten Ungleichheiten beim Wohnen lösen, denn es ist ein soziales und politisches Problem. Traurigerweise werden glänzende Renderings von mit Solarzellen verkleideten, schwimmenden Städten, die von einem Ex-MIT Media Lab Startup gesponsert werden, die Auswirkungen des Klimawandels nicht lösen oder abschwächen, denn es ist ein soziales und politisches Problem.”[2]

Tatsache ist: Bauen, und mit der Architektur im besten Fall noch soziale Veränderungen herbeizuführen, ist unglaublich schwer. Die Realisierung eines Gebäudes setzt diese der ästhetischen und sozialen Kritik der Gesellschaft aus. Durch die Umsetzung wird die Architektur real und zementiert die Komplizenschaft mit dem ausbeuterischen, kapitalistischen System welches die Produktion von Raum erst ermöglicht. Im Vergleich dazu ist es einfach, Bilder zu produzieren. Doch genau da muss die Lehre eingreifen, um unserer Profession eine nachhaltige Bedeutung in der heutigen Gesellschaft zurückzugeben: sie muss den Studierenden die Verantwortung des Architekten/ der Architektin bewusst machen und ihnen helfen, eine eigene Haltung zu entwickeln. Reale Problemlösungen wie Nachhaltigkeit abseits begrünter Fassaden, bezahlbarer Wohnungsbau oder eine gerechten Stadtteilentwicklung erfordern neue pädagogische Praktiken der Lehrenden. Es bedeutet vor allem auch, die eigene Arroganz des alleinigen Wissens abzulegen und sich mit anderen Disziplinen zu verbünden. Interdisziplinäres Handeln, in der Praxis unerlässlich, muss bereits Teil des Studiums sein.

Eine Umorientierung der Lehre soll dabei Hand in Hand mit der Veränderung der Personalpolitik an den Architektur-Hochschulen gehen. Alteingesessene Professor*innen, in der Mehrzahl männlich, dominieren die Lehrstühle. Deren Generation regiert und dominiert die gegenwärtige Politik und Wirtschaft. Sie werden die Folgen des Klimawandels nicht mehr miterleben, profitieren aber von der Ausbeutung der Ressourcen. Junge Forschende und Lehrende, die etwas am System verändern könnten, hangeln sich dagegen von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Vor allem Frauen sind in Drittmittelprojekten deutlich stärker vertreten und der Ausblick auf eine Aneinanderreihung von befristeten Verträgen und ein erzwungenes Ende der Lehrtätigkeit nach acht Jahren trägt zum Exodus der weiblichen Lehrenden aus dem Hochschulbetrieb bei.[3]

Es gibt also noch viel zu tun – aber Veränderung ist möglich und unausweichlich, denn der Luxus einer Entscheidung ist für die jüngeren Generationen nicht mehr gegeben. Viele der drängenden Probleme kann die Architektur nicht lösen, da deren Ursachen in weit über unser Feld hinaus reichenden Strukturen liegen. Doch aus unkritischer Anpassung an jene entsteht keine Veränderung und Antworten müssen wir trotzdem finden. Optimistisch stimmt einen die Tatsache, dass die jungen Architekt*innen bereits viel kritischer und politischer eingestellt sind als noch vor einigen Jahren. Zahlreiche Initiativen wie architectsforfuture, welche eine Petition für die ökologische Bauwende erfolgreich initiiert haben, zeigen dies. Also bringt die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart an die Lehrstühle und beweist, dass Architektur in der Gestaltung unserer Zukunft noch Bedeutung hat!

[1] Simons, Kristina: “Es ist die Bauaufgabe der Zukunft“ auf: www.competitionline.com vom
02.02.2021
[2] Wagner, Kate: „Opinion: No, ‘PR-chitecture’ won’t save us from the pandemic” auf: www.archpaper.com vom 12.06.2020
[3] Anders, Theo: „Warum die Reform der Kettenverträge an den Unis auf Widerstand stößt.“ auf: www.derstandard.de vom 01.02.2021